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Besuch in der Gedenkstätte Hohenschönhausen am 18.10.07



Nachdem wir an diesem trüben Donnerstag an der Gedenkstätte ankamen und einige Minuten unruhig, von der Kälte draußen, aber auch der, welche von den Mauern des ehemaligen Stasi-U-Haft-Gefängnisses ausging, auf unseren geleiteten Rundgang gewartet hatten, wurden wir von dem ersten Führer direkt zurechtgewiesen. Wir sollten still sein und uns einer Denkstätte angemessen verhalten... natürlich hatten wir von da an gar keine Lust mehr auf die Führung und befanden den Herrn vor uns als unsympathisch und ungeduldig. Er sollte sich unserer Meinung nach etwas abregen und glücklicherweise waren auch unsere Lehrer dieser Ansicht und beruhigten ihn. Anschließend folgten wir ihm in eine Art Seminarraum, in dem er uns ein paar Grundkenntnisse über diese Anstalt vermittelte. So erfuhren wir beispielsweise, dass das Gebäude ursprünglich 1938/39 als Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt war. Nachdem die Russen sie am 22.4.1945 beschlagnahmt und ausgebeutet hatten, nutzten sie einen Teil des Gebäudes (den Gemüsekeller) zwischen 1947 und 1950 als Gefängnis. Dieses wurde auch „Das U-Boot“ genannt. In den 50er Jahren übernahm es die Stasi, sie wurde allerdings bis 1955 von russischen „Beratern“ überwacht. Diese durften bei der Behandlung der Gefangenen mitbestimmen.  Ab 1960 entstand neben dem alten Backsteinbau auch ein Neubau; das Gefängnis wurde erweitert. Nachdem wir einige Gründe für Gefangennahmen erfahren hatten, wie zum Beispiel schlechte Nachrede über die Politik, was einem 8-12 Jahre Gefängnisstrafe einbringen konnte, kam ein zweiter Sachkundiger dazu.

Die Klassen wurden aufgeteilt und meine Klasse war froh, den ersten Führer los zu sein; später jedoch erfuhren wir, dass auch dieser sich schließlich doch noch als ein sehr netter Mann entpuppt hatte. Der „Neue“ hieß Jürgen Breitbart und war uns von Anfang an sehr symphatisch. Er berief sich mit einem Schmunzeln auf das Sprichwort „Nomen est omen“, welches sehr gut zu ihm passte.

Nach einem kleinen persönlichen Gespräch, in dem wir auch über seine eigene Gewahrsam in Hohenschönhausen erfuhren (denn alle Touristenführer dort sind Ehemalige, in seinem Fall wegen einer Demonstration), gingen wir in das Kellergefängnis, also das sog. U-Boot. Dort hatte es wohl zwischen 1947 und 1955 ca. 3 bis 4 tausend Tote gegeben, von denen um die 250 Gebeine jetzt noch auf dem Gelände begraben sind. Die Todesstrafe wurde teilweise sogar bei 12-jährigen verhängt; jeder, der für schuldig befunden wurde, wurde gefoltert, bis er die ihm vorgeworfene Tat zugab, selbst wenn es nicht stimmte. Wir waren schockiert; mir war teilweise zum Heulen zumute.

Doch die Lebensbedingungen der Häftlinge, ihre Misshandlungen, trafen uns noch viel mehr. Meist wurde man in Gemeinschaftszellen mit einer einzigen Steinpritsche untergebracht, musste von 5 bis 22 Uhr für den Wärter sichtbar in der Zelle stehen oder sogar durchgehend im Kreis gehen. Niemand durfte sich anlehnen oder hinsetzen, denn dies war ein Verstoß gegen die Hausordnung und wurde umgehend bestraft. Für uns war es unvorstellbar, den ganzen Tag lang bewegungslos auf so engem Raum zu verharren. Oft wurden Inhaftierte sogar von den eigenen Zellengenossen verraten, wenn sie gegen eine Regel verstießen. Die Essensrationen wurden uns folgendermaßen beschrieben: „Man bekam zum Leben zu wenig, und doch zum Sterben zu viel“. Oft befanden sich auch radioaktive Stoffe in der Nahrung, welche Leukämie verursachten. Krankheiten verbreiteten sich schnell in dem feuchten Kellergebäude, besonders aufgrund des verschmutzten Trinkwassers, der Eimer, welche in der Mitte der Zelle als Toilette bereit standen und nur einmal am Tag gelehrt wurden, aber auch wegen des Schimmels, der sich sogar in Haaren und Kleidung festsetzte. Uns lief bei solchen Beschreibungen ein Schauer über den Rücken. Bei Agressionen unter den Sträflingen wurde die gesamte Gruppe bestraft, Licht brannte Tag und Nacht. Oft wurden sie in ihrer kurzen Ruhezeit zur Folter geholt. Frauen und Männer waren getrennt, doch die Soldaten missbrauchten Frauen und Kinder, die dabei entstehenden Babys (falls sie und ihre Mütter Schwangerschaft und Geburt überhaupt überlebten) in sozialistische Heime gesteckt.

Einzelzellen wurden nur benutzt, um verschleppte prominente Gefangene sowie Angehörige westlicher Feindorganisationen zu verstecken. Diese wurden später teilweise in Russland umgebracht. Auch Sozialdemokraten und Faschisten befanden sich darunter. Sie mussten ohne Unterlass in ihrer Zelle hin- und hergehen, hatten jedoch seit den 50er Jahren sogar einen richtigen „Klotopf“.

Für Arrestanten im Neubau gab es später auch sogenannte „Tigerkäfige“, kleine, eingemauerte Höfe mit Gittern als Dach. Man durfte dort einmal am Tag 15-20 Minuten verbringen, jedoch unter ständiger Aufsicht und mit Verhaltensvorschriften. Diese besagten, dass man mit den Händen auf dem Rücken immer hin- und hergehen sollte und dabei immer eine Armlänge Abstand von der Wand einhalten musste. Natürlich war man immer allein, genau wie in den regulären Zellen des Neubaus. Dort gab es in den einzelnen Hafträumen später sogar Toiletten, Betten mit Matratzen und 2 Bretter, die als Tisch und Stuhl dienten. Nachtruhe herrschte von 22 bis 6 Uhr, also eine Stunde mehr als im U-Boot. Man musste auf dem Rücken schlafen, Hände, Kopf und Füße dabei sichtbar sein. Falls dies nicht der Fall war, wurde man vom Wärter sogar aufgeweckt.

Der zum Neubau gehörende Vernehmungstrakt enthielt in seinen 3 Etagen 120 Zimmer. Für jede Zelle eines. Jeder Häftling hatte seine eigene Vernehmungszelle mit einem Kollektiv aus 3-5 Vernehmern, welche ihn schon mit den Worten „Es liegt nur an Ihnen, wann und vor allem wie Sie hier wieder herauskommen.“, begrüßten. Was genau für Verhörmethoden angewandt wurden, erfuhren wir nicht. Ich glaube, das wollten wir dann auch nicht so genau wissen.

Herr Breitbart erklärte uns dafür aber viele Bestrafungsmethoden, zeigte uns ehemalige Dunkelzellen, Beugezellen (Käfige, in denen man entweder hocken oder liegen musste) und Stehzellen, welche wie ein enger Schrank waren, in dem man allein im Dunkeln, in der erdrückenden Enge bis zu 3 Tage lang verharren musste; Ersticken und Nackensperre waren nicht selten Folgen eines solchen Aufenthaltes. Wer dort scheinbar heil herauskam leidet wahrscheinlich noch heute an Seelenschäden. Auch viel extremere Torturen wie die Wasserfolterzelle, in der man dauerhaft mit den Füßen in Wasser stand und des öfteren übergossen wurde, oder der Wassertropfenfolter, in der dauerhaft einzelne Tropfen Wasser auf eine empfindliche Stelle des Hinterkopfes fallen und den gefolterten zum Wahnsinn treiben, wurden angewendet.

Viele ehemalige Verhaftete, darunter auch unser Leiter, wussten nie, wo sich ihr Gefängnis befand und werden teilweise heute noch überrascht oder eher geschockt, wenn sie dieses Gefängnis besuchen und feststellen müssen, dass sie selber einmal hier gewesen sind, denn sie wurden auf Hin- und Rückweg in getarnten Wagen stundenlang durch die Gegend gefahren und dadurch in die Irre geführt.

Als wir schließlich keine Zeit mehr hatten und die Führung abbrechen mussten, fiel es uns schwer zu gehen. Es gab noch so viel, was uns interessierte und es werden sicher einige von uns eines Tages wieder hinfahren, um mehr zu erfahren. Doch eines kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen: Wir verließen diese Gedenkstätte größtenteils als neue Menschen. Ich persönlich sehe die Welt jetzt mit ganz anderen Augen und bin froh, dass dieser Horror ein Ende gefunden hat. Gleichzeitig hoffe ich, dass er auch in anderen Ländern aufhört und die Geschichten über all dieses Unheil in Zukunft Leute davon abschrecken wird, jemals auf die Idee zu kommen, wieder damit anzufangen.

von Franziska Diehl